Wer wir sind
Der kmfv ist ein in der Erzdiözese München und Freising tätiger, caritativer Fachverband. Dem Auftrag seines Gründers Adolf Mathes folgend, wendet sich der Verein an wohnungslos, arbeitslos, suchtkrank und straffällig gewordene Mitbürgerinnen und Mitbürger. Der Verein ist bestrebt, durch Zusammenarbeit und Austausch mit seinen Partnern den betroffenen Personen ein effizientes Hilfenetz zur Verfügung zu stellen.
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© Severin Vogl
Was wir tun
Wir leisten Soziale Arbeit in ambulanten Diensten und stationären Einrichtungen mit dem Ziel der Resozialisierung. Sie erfolgt insbesondere durch Beratung, Betreuung und Unterstützung, durch Entwöhnungsbehandlung und berufliche Wiedereingliederung.
Arbeits- und
Beschäftigungsangebote
Krankenwohnung
Unsere Einrichtungen und Dienste
In über 60 Fachdiensten, Einrichtungen und Projekten bieten wir insgesamt etwa 1.800 Plätze für Hilfesuchende an und betreuen jährlich ca. 8.000 wohnungslos, arbeitslos, suchtkrank und straffällig gewordene Mitbürgerinnen und Mitbürger.
18. April 2023 | München

Erinnerungszeichen zum Gedenken an Erwin Kahn

Ernst Grube, Holocaust-Überlebender und Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Ludwig Mittermeier, Vorstand des Katholischen Männerfürsorgevereins München e.V., Björn Mensing, Pfarrer, Historiker, Ev. Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Stadtrat Beppo Brem, in Vertretung des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt München

Erwin Kahn kam am 12. September 1900 als erstes Kind des jüdischen Kaufmanns Albert Kahn und seiner Ehefrau Lotte in München zur Welt. Er hatte drei jüngere Geschwister. Ab November 1932 lebte er im dritten Stockwerk des Wohnhauses Hans-Sachs-Straße 18, das heute dem kmfv gehört.

Die SA verhaftete Erwin Kahn am 11. März 1933 auf offener Straße und lieferte ihn in das Polizeigefängnis in der Ettstraße ein. Am 22. März 1933 verschleppte man ihn in das an diesem Tag eröffnete KZ Dachau.

Zur Abschreckung verübte die Lager-SS am 12. April 1933 das erste Massaker an kommunistischen Häftlingen mit jüdischen Wurzeln. Neben Rudolf Benario, Ernst Goldmann und Arthur Kahn wurde auch Erwin Kahn niedergeschossen. Im Gegensatz zu den anderen überlebte er, jedoch durch zwei Kopfschüsse schwer verletzt.

Erwin Kahn wurde in der Chirurgischen Klinik in München, Nußbaumstraße 20, operiert. Am 15. April 1933 schilderte er dort seiner Frau den Tathergang. In der folgenden Nacht, am 16. April 1933 gegen 4.30 Uhr, starb Erwin Kahn. Die Obduktion des Gerichtsmedizinischen Instituts der Ludwig-Maximilians-Universität ergab, dass er mit stumpfer Gewalt gegen den Kehlkopf umgebracht worden war. Wahrscheinlich hatten ihn die Wachleute erwürgt.

Zum Gedenken an Erwin Kahn wurde nun ein Erinnerungszeichen an die Hausfassade der Hans Sachs-Straße 18 angebracht. Mit den Erinnerungszeichen soll den heute meist vergessenen Opfern der NS-Verfolgung einen Platz in unserer Stadtgesellschaft zurückgegeben werden.

Als den kmfv die Anfrage erreichte, ob wir es uns vorstellen könnten, dass das Erinnerungszeichen am Haus in der Hans-Sachs-Straße 18 angebracht wird, war uns sofort klar, dass wir das sehr gerne unterstützen wollen. Es ist eine zentrale Aufgabe der Gesellschaft, die Erinnerung an die Gräueltaten des NS-Regimes aufrechtzuerhalten und dazu beizutragen, dass so etwas in Deutschland nie wieder möglich sein kann. Demokratie und Menschenrechte sind ein gegenüber jedweden Angriffen zu verteidigendes, hohes Gut. In vielen Teilen der Welt sieht man, wie schnell es auch heute noch gehen kann, dass Demokratien ausgehöhlt und Menschenrechte mit Füßen getreten werden.

Jetzt, wo nur noch wenige Überlebende als Zeitzeugen ihre Lebensgeschichten und das ihnen widerfahrene Leid weitergeben können, ist es umso wichtiger mit Bildungsarbeit, aber auch öffentlichen Denkmäler, wie diesem, die Erinnerung wach zu halten und kontinuierlich zu sensibilisieren, um Diskriminierung, Ausgrenzung und Hass entgegenzuwirken und eine weltoffene, zugewandte und tolerante Gesellschaft prosperieren zu lassen.

Erwin Kahn war ein junger Mann mit Träumen und Wünschen, der je aus dem Leben gerissen worden ist. Nur weil er Jude war und eine andere politische Auffassung vertrat, wurde er inhaftiert, im Konzentrationslager in Dachau niedergeschossen und schließlich kaltblütig ermordet. Schicksale wie die Erwin Kahns gab es in der NS-Diktatur millionenfach.

Auch viele obdachlose und wohnungslose Menschen vielen dem Nazi-Terror zum Opfer. Sie wurden als „Nichtsesshafte“, „Asoziale“, „Vagabunden“ und „Lebensunwerte“ bezeichnet und den sogenannten „Gemeinschaftsfremden“ zugeordnet, der der Ausschluss aus der Volksgemeinschaft drohte. Es war von „Ballastexistenzen“ die Rede, von „sozial Minderwertigen“, welche das „Reich“ – besonders seit Beginn des zweiten Weltkrieges – ökonomisch belasteten. Sie waren Schikanen, Inhaftierungen, Verbringung in „Pflegeheime“ und „Arbeitshäuser“, Zwangsterilisation und medizinischen Experimenten ausgesetzt. Bisweilen wurde ihnen die Identität und das Menschsein aberkannt. Wer dem Raster der arbeitswilligen und angepassten Volksgenossen nicht entspracht, hatte keine ruhige Minute mehr. Armen Menschen wurden Beschäftigungsmaßnahmen verordnet, „angeborener Schwachsinn“ angedichtet, Suchtkranke galten als „nicht lebenswert“. Spätestens mit Beginn des Krieges wurden viele als noch arbeitsfähig eingestufte wohnungslose Personen gehäuft in Konzentrationslager eingewiesen, wo sie bald zu Tode kamen.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Fakten, aber auch im Hinblick auf Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, bei denen obdachlose Menschen in Deutschland mitunter angepinkelt oder im Schlaf angezündet wurden, ist aus unserer Sicht eine kontinuierliche Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Obdach- und Wohnungslosigkeit unabdingbar. Vorurteile müssen abgebaut und ein Verständnis für die Situation der von uns betreuten und unterstützten Menschen gefördert werden.

Auch die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten ist leider in den letzten Jahren massiv angestiegen. Umso mehr ist es unsere gesellschaftliche Aufgabe zu erinnern, zu informieren, nicht wegzuschauen und mit Zivilcourage dem entgegenzutreten.

 

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