
Copyright Özgün Turgut/kmfv
Sie haben in einer sehr besonderen Situation das Vorstandsamt übernommen. Wie haben Ihre ersten Tage konkret ausgesehen?
Das war eine besondere Situation als Ludwig Mittermeier als Vorstand unvermittelt ausgeschieden und dann wenige Wochen später verstorben ist. Dies hat mich persönlich und uns alle tief getroffen. Vor diesem Hintergrund war es mir wichtig, intern wie extern schnell Orientierung zu geben, Stabilität zu vermitteln und zu zeigen, dass der kmfv mit mir eine Vorständin hat, die den Verein sehr gut kennt. Dabei hat mir der enge Austausch mit meiner ersten Führungsebene besonders geholfen. Uns war allen klar, dass trotz meiner langjährigen Tätigkeit für den kmfv eine Übergangszeit notwendig sein würde, die wir im Leitungsteam gemeinsam gut bewältigen.
Sie kommen aus der Wirtschaft. Warum haben Sie sich bewusst dafür entschieden, beim kmfv zu arbeiten? Was hat Sie daran überzeugt?
Ich habe mich schon immer ehrenamtlich engagiert – ob in der Arbeit mit Geflüchteten, als Familienpatin oder jetzt im Hortbeitrat meiner Kinder. Nach vielen Jahren in der Wirtschaft wollte ich gerne auch in diesem Bereich hauptberuflich tätig sein. Natürlich bin und bleibe ich Betriebswirtin, aber ich wollte zumindest in ein sinnstiftendes Unternehmen wechseln.
Der kmfv war reiner Zufall. Ich habe mehrere Monate sehr viele Bewerbungen geschrieben und viele Absagen bekommen, da ich bislang nicht in der Sozialwirtschaft tätig war. Der damalige Vorstand, Viktor Münster, fand dies aber besonders interessant und so wurde ich als neue Stabsstellenleitung für Qualitätsmanagement und Organisationsentwicklung die erste Diplom-Betriebswirtin im kmfv.
Sie kennen den kmfv seit vielen Jahren. Was hat Ihnen geholfen, in dieser Situation schnell Verantwortung zu übernehmen?
Nach einer internen Umorganisation war ich ab 2022 von Beginn an Teil der Geschäftsleitung des kmfv und zuvor auch schon in unterschiedlichsten Funktionen mit Verantwortung tätig.
Als sich Ludwig Mittermeier ab August 2025 im Krankenstand befand, hatten wir ein kurzes wöchentliches Meeting mit den Abteilungsleitungen und den Vorstandsreferenten einberufen, um zu besprechen, was in der Woche so anstand.
Also war es kein abruptes Übernehmen von Verantwortung, sondern wir waren bereits seit einiger Zeit in geübter Not-Routine im gesamten Leitungsteam unterwegs.
Sie kommen aus dem Finanzbereich. Wie hilft Ihnen dieser Blick dabei, die Angebote für wohnungslose und straffällig gewordene Menschen verlässlich sicherzustellen?
Wir haben als Katholischer Männerfürsorgeverein einen christlichen Grundauftrag. Der kmfv hat sich dabei auf das Thema Wohnungslosenhilfe und Straffälligenhilfe spezialisiert. Für diesen Personenkreis haben wir uns einen hohen Qualitätsstandard erarbeitet und sind bundesweit bekannt.
In Zeiten von knapper werdenden öffentlichen Mitteln seitens des Bundes sowie der Länder und Kommunen ist Transparenz entscheidend. Bedarfsgerechte Angebote, Frühwarnindikatoren im Controlling, die enge Abstimmung mit Kostenträgern und eine klare betriebswirtschaftliche Analyse sind notwendig, um unsere Angebote verlässlich sicherzustellen. Durch meinen kaufmännischen Hintergrund habe ich die Möglichkeit, die richtigen Fragen zu stellen, und ich kann dafür sorgen, dass der kmfv weiterhin finanziell solide aufgestellt ist.
Wenn Ressourcen knapper werden: Wie stellen Sie sicher, dass die Unterstützung für wohnungslose und straffällig gewordene Menschen weiter verlässlich bleibt?
Die öffentlichen Gelder werden weniger. Deshalb müssen wir mutig sein, auch neue Wege zu gehen. Es gilt Gutes zu bewahren und auch den Blick auf zukünftige andere oder neue Bedarfe zu richten.
Zudem entwickeln wir den Bereich Fundraising gerade weiter und erhoffen uns dadurch neue finanzielle Mitteln zu erschließen.
Gleichzeitig führen wir intensive Gespräche mit Politik, Verwaltung und weiteren Interessensgruppen, um unsere Themen Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe zu platzieren, aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass insbesondere in Krisensituationen in diesen Bereichen nicht eingespart werden darf. Wohnungslosigkeit stellt die extremste Form von Armut dar. Wir können von unserer Grundüberzeugung her hilfsbedürftige Menschen nicht einfach im Stich lassen.
Welche tagtägliche Arbeit des kmfv sieht man von außen zumeist nicht?
In der tagtäglichen Arbeit beim kmfv wird sichtbar, dass Klientinnen und Klienten aus allen sozialen Schichten kommen, auch aus Kontexten, wo scheinbar alles geregelt und in Ordnung zu sein scheint. Sie haben Traumata oder Schicksalsschläge wie eine Trennung oder ein Jobverlust, die sie in die Situation gebracht haben, in der sie heute sind. Wir sorgen insbesondere für Stabilisierung und dafür, dass die betreuten Menschen im besten Fall wieder eigenständig in der Lage sind, ihr Leben weiterzuführen.
Wenn Sie nach vorne sehen: Worauf kommt es für Sie jetzt besonders an?
Bei allem, was kommt – wir sind für Menschen in München und der Region da, deren Leben nach Wohnungsverlust, Arbeitslosigkeit, Haft oder einer Suchterkrankung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir begleiten sie verlässlich durch Übergänge und eröffnen neue Wege in Stabilität, Würde und Teilhabe.
Die aktuelle Situation ist für mich ein Antrieb, unsere Prozesse zu optimieren und innovative Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. Zudem möchten wir in einen intensiveren Austausch mit unseren Kostenträgern und auch der Erzdiözese München und Freising gehen, um gemeinsam Perspektiven für die kommenden Jahre zu entwickeln und gestärkt aus diesen herausfordernden Zeiten zu gehen.